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Lootboxen in Videospielen: Wann sie in der Schweiz als Geldspiel gelten

Recht & Regeln · Veröffentlicht · Aktualisiert

Hände mit Gamecontroller vor einem Bildschirm als Symbol für Lootboxen in Videospielen

Zufällige Beutekisten gegen echtes Geld: Lootboxen erinnern an Spielautomaten. Belgien und die Niederlande sind gegen bestimmte Formen vorgegangen. In der Schweiz gibt es kein eigenes Lootbox-Gesetz. Entscheidend ist, ob eine Lootbox die Merkmale eines Geldspiels erfüllt.

Inhalt dieser Seite (10)
  1. Was eine Lootbox ist
  2. Die Definition im Geldspielgesetz
  3. Was der Bundesrat sagt
  4. Was passiert, wenn eine Lootbox ein Geldspiel ist
  5. Wie andere Länder vorgehen
  6. Wie gefährlich sind Lootboxen?
  7. Lootbox, Demo-Casino, Geldspiel: die Unterschiede
  8. Tipps für Eltern
  9. Fazit
  10. Häufige Fragen

In vielen Videospielen lassen sich virtuelle Kisten, Kartenpakete oder Überraschungsbelohnungen kaufen. Was darin steckt, erfährt man erst nach dem Öffnen: vielleicht ein seltener Charakter, vielleicht ein Gegenstand, den man schon dreimal hat. Diese sogenannten Lootboxen stehen seit Jahren in der Kritik, weil ihr Mechanismus an Glücksspiel erinnert. Für Eltern und Spielende stellt sich die Frage: Wie sieht das Schweizer Recht das?

Was eine Lootbox ist

Ein Faktenblatt von GREA und Fachverband Sucht vom November 2020 beschreibt Lootboxen als Elemente in einem Videospiel, mit denen sich Spielende auf eine als zufällig dargestellte Weise Zubehör verschaffen können, mit oder ohne Bezahlung. Der Mechanismus ist nicht neu. Das Faktenblatt vergleicht ihn mit einer Wundertüte oder einem Päckchen Panini-Bilder: Der genaue Inhalt ist vor dem Öffnen nicht bekannt.

Das Problem entsteht, wenn man einen bestimmten Gegenstand möchte. Statt ihn direkt zu kaufen, muss man unter Umständen Dutzende Kisten öffnen und erhält dabei viele Dinge, die man nicht braucht. Hinzu kommt ein Punkt, den viele nicht kennen: Gemäss Faktenblatt ist der Inhalt mancher Lootboxen gar nicht wirklich zufällig, sondern wird mit Algorithmen auf das Verhalten der Spielenden abgestimmt.

Die Definition im Geldspielgesetz

Ob etwas ein Geldspiel ist, bestimmt Art. 3 Bst. a BGS. Geldspiele sind Spiele, bei denen gegen Leistung eines geldwerten Einsatzes oder bei Abschluss eines Rechtsgeschäfts ein Geldgewinn oder ein anderer geldwerter Vorteil in Aussicht steht. Auf Lootboxen übertragen ergeben sich drei Prüffragen:

MerkmalFrage bei der Lootbox
Geldwerter EinsatzWird die Kiste mit echtem Geld oder mit einer gekauften Spielwährung bezahlt?
ZufallHängt der Inhalt vom Zufall ab und nicht vom Können?
Geldwerter VorteilHat der Inhalt einen Geldwert, etwa weil er sich verkaufen oder in Geld umtauschen lässt?

Besonders die dritte Frage ist umstritten. Ein virtueller Gegenstand, der nur im Spiel nutzbar ist und nicht gehandelt werden kann, hat einen anderen Charakter als einer, der auf einem Marktplatz gegen Geld verkauft werden kann. Die Antwort hängt deshalb von der konkreten Ausgestaltung ab.

Was der Bundesrat sagt

Im Juni 2022 reichte Nationalrätin Sophie Michaud Gigon die Interpellation 22.3541 zu Lootboxen ein. Die Antwort des Bundesrats enthält mehrere wichtige Aussagen:

  • Lootboxen sind so vielfältig, dass sich keine allgemeine Aussage darüber machen lässt, ob sie Geldspiele sind.
  • Ob eine konkrete Lootbox ein Geldspiel ist, entscheiden die ESBK oder die interkantonale Behörde Gespa im Einzelfall.
  • Eine solche Beurteilung war in einem konkreten Verfahren bis dahin noch nicht vorgenommen worden.
  • Falls eine Lootbox ein Geldspiel ist, sind Minderjährige ausgeschlossen (Art. 72 BGS), und nur bewilligte Spielbanken oder Lotteriegesellschaften dürfen sie anbieten.
  • Unabhängig vom Geldspielrecht gilt das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), etwa Art. 3 Abs. 1 Bst. b und h zu unrichtigen Angaben und aggressiven Verkaufsmethoden.
  • Für Geldspiele schreibt das Gesetz Informationen an die Spielenden vor (Art. 44 BGS); der Bundesrat nannte in diesem Zusammenhang Angaben zu den Auszahlungsquoten.

Schon früher hatte der Bundesrat vorgeschlagen, die Motion 18.3570 abzulehnen, die eine Regulierung von Mikrotransaktionen in Videospielen verlangte. Gemäss Faktenblatt begründete er dies damit, dass das Geldspielgesetz ausreiche.

Was passiert, wenn eine Lootbox ein Geldspiel ist

Die Folgen wären erheblich. Lootboxen mit Glücksspielcharakter gälten dann als Spielbankenspiele oder Grossspiele. Für beide braucht es eine Konzession oder Bewilligung. Ein Spielehersteller ohne solche Bewilligung dürfte sie in der Schweiz nicht anbieten. Wer in der Schweiz ohne Konzession Spielbankenspiele oder Grossspiele anbietet, riskiert nach Art. 130 BGS eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Hinzu kämen Werbebeschränkungen, Altersgrenzen und Pflichten zum Spielerschutz.

Bisher gibt es aber keinen veröffentlichten Entscheid einer Schweizer Behörde, der eine bestimmte Lootbox als Geldspiel eingestuft hätte. Die Rechtslage ist deshalb offen.

Wie andere Länder vorgehen

Das Faktenblatt von 2020 nennt mehrere Beispiele:

Land oder StelleMassnahme gemäss Faktenblatt
BelgienVerbot bestimmter Lootboxen; Kisten, die über Mikrotransaktionen mit echtem Geld gekauft werden müssen, galten als Beteiligung im Sinne des Glücksspielrechts
NiederlandeVerbot bestimmter Lootboxen
ChinaPflicht, die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Gegenstände anzugeben
PEGIEnde August 2018 Ankündigung des Hinweises «In-Game-Käufe»

Die Lage hat sich seither weiterentwickelt. In seiner Antwort auf die Interpellation 22.3541 wies der Bundesrat darauf hin, dass der niederländische Entscheid gegen ein Fussballspiel vom obersten Verwaltungsgericht, dem Raad van State, aufgehoben wurde. Die Beispiele zeigen vor allem eines: Auch in Europa gibt es keine einheitliche Linie.

Wie gefährlich sind Lootboxen?

Die niederländische Glücksspielaufsicht bewertete das Suchtpotenzial von Lootboxen mit demselben Instrument, das sie für Glücksspiele verwendet. Gemäss Faktenblatt haben Lootboxen nach dieser Einschätzung im Durchschnitt ein mittleres bis hohes Suchtrisikopotenzial. Bestimmte Lootboxen mit hoher Punktzahl seien bezüglich Suchtpotenzial mit Blackjack oder Roulette vergleichbar, solche mit tiefer Punktzahl mit Bingo.

Für die Schweiz liefert die Studie «Jeux d'argent sur internet en Suisse» von GREA und Sucht Schweiz (2020) Zahlen. Von den Befragten, die auch Geldspiele spielten, hatten 25,3 Prozent in den zwölf Monaten vor der Umfrage Lootboxen gekauft. Bei jenen, die ausschliesslich Videospiele spielten, waren es 13,2 Prozent. Die Studie zeigt also einen Zusammenhang zwischen Lootboxen und Geldspielen, sagt aber nicht, was Ursache und was Wirkung ist.

Lootbox, Demo-Casino, Geldspiel: die Unterschiede

AngebotEinsatzGewinn mit GeldwertRechtslage in der Schweiz
Lootbox ohne BezahlungNeinMeist neinKein Geldspiel nach Art. 3 BGS
Lootbox gegen Geld, Inhalt nicht handelbarJaUmstrittenEinzelfallprüfung
Lootbox gegen Geld, Inhalt in Geld umtauschbarJaMöglichEinzelfallprüfung, Nähe zum Geldspiel
Demoversion eines CasinospielsNeinNeinKein Geldspiel; Werberegeln können gelten
Online-Casino mit Schweizer KonzessionJaJaGeldspiel, ab 18 Jahren

Wie Spielgeld-Versionen von Casinospielen rechtlich behandelt werden, erklärt der Beitrag Demo-Modus und Spielgeld.

Tipps für Eltern

  • Kennzeichnung beachten: Der PEGI-Hinweis «In-Game-Käufe» zeigt an, dass im Spiel mit echtem Geld eingekauft werden kann. Er sagt nicht, ob es Lootboxen gibt.
  • Käufe sperren: Konsolen, Smartphones und Spieleplattformen erlauben es, Käufe mit einem Code zu schützen oder ein Ausgabenlimit festzulegen.
  • Darüber reden: Erklären Sie, dass der Inhalt einer Kiste nicht immer zufällig ist und dass das Prinzip dem Glücksspiel ähnelt.
  • Aufmerksam bleiben: Wenn ein Kind auffällig viel Geld ausgibt oder heimlich kauft, ist das ein Warnsignal.

Mehr zu Spielen auf dem Smartphone bietet die Seite Mobile Casinos; die Spielarten echter Casinos erklärt Casino-Spiele. Einen Überblick über das Schweizer Geldspielrecht gibt Glücksspiel in der Schweiz.

Fazit

Die Schweiz hat kein spezielles Lootbox-Gesetz. Ob eine Lootbox ein Geldspiel ist, hängt davon ab, ob ein geldwerter Einsatz und ein geldwerter Gewinn vorliegen. Darüber entscheiden ESBK oder Gespa im Einzelfall. Unabhängig davon bleibt das Lauterkeitsrecht anwendbar. Echte Geldspiele dürfen in der Schweiz nur Anbieter mit Schweizer Bewilligung durchführen; ausländische Online-Casinos haben keine Schweizer Konzession.

Wer sich Sorgen um das eigene Spielverhalten oder das eines Angehörigen macht, erreicht SOS Spielsucht rund um die Uhr kostenlos und anonym unter 0800 040 080.

Häufige Fragen

Sind Lootboxen in der Schweiz verboten?

Nein, es gibt kein generelles Verbot. Ist eine konkrete Lootbox ein Geldspiel, dürften sie nur bewilligte Anbieter anbieten. Darüber entscheiden ESBK oder Gespa im Einzelfall.

Wann ist eine Lootbox ein Geldspiel?

Wenn gegen einen geldwerten Einsatz ein Geldgewinn oder ein anderer geldwerter Vorteil in Aussicht steht (Art. 3 BGS). Entscheidend ist die konkrete Ausgestaltung.

Hat eine Schweizer Behörde schon über Lootboxen entschieden?

Laut der Antwort des Bundesrats auf die Interpellation 22.3541 war eine solche Beurteilung in einem konkreten Verfahren noch nicht erfolgt.

Was bedeutet der PEGI-Hinweis «In-Game-Käufe»?

Er zeigt an, dass im Spiel virtuelle Güter mit echtem Geld gekauft werden können. Er gilt für alle Mikrotransaktionen, nicht nur für Lootboxen.

Gilt das Konsumentenrecht für Lootboxen?

Ja. Laut Bundesrat ist das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb anwendbar, etwa bei unrichtigen Angaben oder aggressiven Verkaufsmethoden.

Quellen

  1. Interpellation 22.3541 Lootboxen – Curia Vista, Schweizer Parlament
  2. Factsheet Lootboxen (GREA / Fachverband Sucht, November 2020)
  3. Bundesgesetz über Geldspiele (BGS), SR 935.51 – Fedlex
  4. SOS Spielsucht – Beratung

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